Kleiner Streifzug durch 15.000 Jahre
Hier ganz in der Nähe, bei dem Ort Stöckse, gibt es einen interessanten Platz, der durch einen riesigen Findling markiert wird. Dieser Stein liegt schon circa 200.000 Jahre an diesem Platz. Er ist der größte Findling Niedersachsens mit Ausmaßen größer als eine normale Fertiggarage. Letztlich müsste ich die Überschrift also ändern in "kleiner Streifzug durch 200.000 Jahre". Aber die Zeitangabe bezieht sich nicht auf geologische oder klimatische Epochen, sondern auf 15.000 Jahre Menschheitsgeschichte, deren Spuren man hier sehen kann oder gefunden hat.

Dieser Stein heißt im Volksmund und auch offiziell der "Giebichenstein". In unmittelbarer Nähe dieses Steins hat man die Reste eines Zeltes von eiszeitlichen Rentierjägern ausgegraben, die sich hiervor 15.000 Jahren aufgehalten haben. Es wurden hier ungefähr 350 Werkzeuge aus Feuerstein gefunden. Diesen alten Lagerplatz kann man jetzt natürlich nicht mehr ohne weiteres erkennen. Aber dieser Ort zeigt uns auch ganz offensichtliche Hinterlassenschaften von Menschen aus weiteren Epochen:
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Das sind als erstes die Steine eines Hünengrabes, ungefähr 40 m vom Giebichenstein entfernt. Es ist entstanden, nachdem die Rentierjäger längst nicht mehr in dieser Gegend umher zogen. Inzwischen war es deutlich wärmer und 8000 oder 9000 Jahre waren ins Land gegangen. Es entstand etwa 6000 Jahre vor unserer Zeitrechnung.

Solche auch Großsteingräber genannten Anlagen wurden von den Menschen der Jungsteinzeit angelegt. Die Tundra war inzwischen verschwunden und es kann sein, dass dort auch damals schon Bäume wuchsen. Überhaupt lässt es sich an solchen Plätzen trefflich fantasieren, wie die Entwicklung der Landschaft über die Jahrtausende sich wohl vollzogen haben mag und wie der Hügel vielleicht ausgesehen hat als er noch kahl war und die Rentiere über ihn dahin zogen.
Hier ist noch ein Bild, auf dem man das Hünengrab aus einer anderen Perspektive sieht und den Giebichenstein im Hintergrund erkennen kann.

Übrigens gibt es hier wie auch in vielen anderen Gegenden auch noch Relikte des Rentiermooses, der bekannte Flechte, die nach den Eiszeiten nach Norden ausgewichen ist. Bei uns kommt sie hauptsächlich auf trockenen und nährstoffarmen Heideböden vor. Aber es gibt immerhin eine für die damaligen Zeiten typische Lebensform, die sich unauffällig aber vital über alle Veränderungen und neuen Konkurrenten hinweg bis in unsere Tage erhalten hat.


Diese Aufnahmen habe ich in der Krähe gemacht, der Giebichenstein liegt letztlich am äußeren Rand dieses Gebietes.
Nur ein paar 100 m weiter betreten wir die Bronzezeit. Die Jahrtausende überdauert haben die Grabhügel, Hügelgräber also. Diese werden datiert in die Zeit von 1500 bis 1200 vor unserer Zeitrechnung. So sieht man denn hier auf kleinem Raum, dass Menschen schon seit Urzeiten in dieser Gegend überlebt haben.

Auch heute noch streifen regelmäßig Menschen hier umher, leider auch solche, für die mir jedes Verständnis fehlt. Ich weiß nicht, wer das schön gestaltete Schild angebracht hat, das den Weg vom Hünengrab zu den Hügelgräbern weist. Aber irgendjemand hatte nichts Besseres zu tun, als diese Arbeit zu zerstören und einen Teil des schönen Schildes abzubrechen. Trotzdem kann man noch die Richtung erkennen, in der es weitergeht zu den bronzezeitlichen Grabhügeln.

Da kann ich nur hoffen, dass die Vandalen nicht wiederkommen und weitere Schäden anrichten.
Der Giebichenstein hat seinen Namen übrigens dadurch erhalten, dass der Sage nach der Zwergenkönig Giebich unter diesem Stein gehaust haben soll oder noch haust, wer weiß - aber als ich dort war hat ebenfalls nicht hervor geschaut. Das Holz, das an dem Stein lehnt, ist übrigens eine Eisenbahnschwelle, die vielleicht durch Kinder hierher geschafft wurde, die an diesem Ort gern spielen. Sie ist ein schöner Größenvergleich auf der Aufnahme. Ein Herr, den ich im vergangenen Jahr hier traf, erzählte mir dass am Ende des letzten Krieges die Engländer ein Stück vom Stein abgesprengt haben. Man sieht es hier noch. Aus der Nähe ist auch ein Bohrloch zu erkennen.

Die Absicht war, den gesamten zur Stein zu zerstören. Zum Glück hat ein Vorgesetzter die Täter gestoppt bevor sie noch mehr Schaden anrichten konnten. Das abgesprengte Stück liegt nach wie vor neben dem Stein.

Übrigens wurde hier ein archäologischer Lehrpfad angelegt, der frei zugänglich ist und auf vier Tafeln anschaulich die Geschichte dieses Ortes erklärt. Der Weg dorthin ist von der Hauptstraße aus ausgeschildert, wenn man von Nienburg aus kommt ist es gleich die erste Straße rechts. Der Asphalt reicht nicht bis an die Parkmöglichkeit, man fährt ein paar 100 m auf einem geschotterten Waldweg, wenn man bis zum Stein fahren möchte. Ich finde diesen Platz sehr anziehend und trödle immer wieder gern mal ein wenig dort herum, denn es ist eine Stelle, die man nicht im Eiltempo durchlaufen sollte. Denn dieser flache Hügel mit dem großen Stein hat die Menschen schon seit Jahrtausenden immer wieder in den Bann gezogen. Was mag sich da schon alles abgespielt haben?
Bis denn,
der Draußen-Blogger
