Draussen umhergestreift

Was mir draussen auffiel, einfiel oder passierte

Jagd und Jäger – Teil 1

Autor , am 23. Oktober 2013


Hase drueckt sichNeulich sah ich in einem Fernsehbeitrag eine hervorragende Reportage zum Thema Jagd und Jäger.

Dabei kamen verschiedene Jäger zu Wort. Solche, die sachlich und im natürlichen Verhältnis zu dem, was Jagd im ursprünglichen Sinn ist, einen wirklich positiven Weg des jagdlichen Umgangs mit der frei lebenden Tierwelt aufzeigten. Natürlich kamen auch Vertreter der Jäger vor, deren Handeln und deren Begründungen für dieses Handeln sicher bei sehr vielen wie bei mir auf Unverständnis stoßen dürften. Sehr erfreulich an dem Beitrag fand ich, dass kaum wertende Kommentare den Zuschauer zu beeinflussen versuchen. Es wurde vorgestellt, was die Macher der Sendung gesehen, gehört und erlebt haben. Schlüsse daraus zu ziehen bleibt dem Zuschauer im Wesentlichen selbst überlassen. Lediglich Fragestellungen werden angeregt.

Hier hatte ich die Sendung verlinkt. Leider ist sie aber online nicht mehr verfügbar, warum auch immer. Es war eine Folge der Sendereihe „45 Minuten“, der Titel war, meine ich, „Waidmannsheil – Jägern auf der Spur“. Wenn jemand das noch online findet, wäre ich dankbar, wenn der- oder diejenige mir den Link dazu mailt.

Nachtrag im Februar 2014: Anfang des Jahres lief im ZDF eine weitere hervorragende Dokumentation im Magazin „planet e“. In einer halben Stunde werden dort viele der wesentlichen Probleme des deutschen Jagdwesens unter dem Titel „Jäger in der Falle“ klar und ganz in dem Sinne dargestellt wie ich es auch erlebt habe und bis heute immer noch sehe:
http://www.youtube.com/watch?v=K4q9RXUkrEo
Sehr, sehr sehenswert. Wie wahr das Ganze ist, zeigen auch die Reaktionen aus der Jägerschaft, die offenbar diese Tatsachen nicht an die Öffentlichkeit gebracht sehen will.

Natürlich hat mich manches in der Reportage an meine eigenen Erlebnisse während meiner jagdlichen Zeit erinnert. Diese Erlebnisse haben mein Bild vom Jäger und von der Jagd unter dem Strich mehr negativ als positiv beeinflusst. Sie haben dazu geführt, dass ich nach einiger Zeit nichts mehr damit zu tun haben wollte. Ich habe eine ganze Weile gezögert, ob ich hier im Blog ein paar Artikel darüber schreiben sollte. Aber es gehörte zu meinen mitprägenden Draußen-Erlebnissen und darum gehört das auch hierher.

Wie gesagt hat die Jagd, wie ich sie erlebt habe, eher befremdliche Rückstände bei mir hinterlassen. Es kann sein, dass diese Artikel allzu negativ wirken. Darum möchte ich vorausschicken, dass ich kein Gegner der Jagd als solcher bin. Das Erbeuten von Tieren zur Nahrungsbeschaffung ist eine durchaus naturkonforme Tätigkeit und aus der Menschheitsgeschichte als normaler Bestandteil des menschlichen Lebens gar nicht wegzudenken. Man denke nur an die Schöninger Speere, die vor 300.000 Jahren hergestellt wurden. Was mich an der heutigen Jagd und deren Begleiterscheinungen bei uns trotzdem abstößt, wird aus den entsprechenden Textstellen hervorgehen.

Warum habe ich überhaupt einen Jagdschein gemacht?
Über mein von früher Kindheit an vorhandenes Interesse an Tieren und Natur bin ich einst auf den Slogan der Jagdlobby gestoßen, der da lautete: „Jagd ist angewandter Naturschutz.“ Das zog mich damals, mit 17/18, ganz stark an. Denn bei der direkten Beschäftigung mit Tieren waren mir zu der Zeit enge Grenzen gesetzt. Dazu kam natürlich, dass ich von klein auf nirgends lieber gewesen bin als irgendwo draußen, abseits von menschgemachter Unnatur und lauten, hektischen Leuten, Autos, Maschinen mit all ihrer Unruhe. In Richtung Stadt war ich von Anfang an nur unfreiwillig unterwegs, wenn es etwas zu erledigen oder zu besorgen gab, wofür ich zwingend dorthin musste. Von vornherein war mein Interesse auf das Tier selbst gerichtet, eher im Sinn von Wildbiologie oder Zoologie, Tierverhalten und ökologischen Zusammenhängen, eine Mischung von alldem – gewiss nie und nimmer auf das Tier als Beute, sondern immer nur auf das lebende Tier und seine Welt.

Das Draussensein von Klein auf an hat von vorn herein eine gewisse Verbundenheit auch zu den Tieren und Pflanzen geschaffen, die da leben. Als Kind kannte ich jedes Reh in der Umgebung beinahe persönlich und die schönsten (Sommer-)Tage waren für mich die, an denen es mir gelang, bis auf sehr wenige Meter unbemerkt an die Rehe, Fasane oder Hasen heranzukommen, die in dem Wald lebten, in dem ich meist täglich unterwegs war. Allerdings war das nur schön, wenn ich es schaffte, auch nachträglich nicht bemerkt zu werden, was mit zunehmender Übung immer besser klappte. Ob ich das heute noch hinkriege? Eher nicht, das erfordert zu viel Übung, kein Zeitlimit und vollen Einsatz aller Sinne und Gedanken, es ist mir einfach nicht mehr wichtig und dann geht sowas nicht. Aber mein erstes Stück Rehwild habe ich damals auf hinterher abgeschrittene 17,5 Meter angepirscht geschossen, in einer Region, in der das Wild eine erheblich größere Fluchtdistanz hatte als ich es vorher kannte. Ich wollte, dass es eine reelle Chance hatte zu entkommen, anders als wenn ich auf einem Hochsitz angesessen hätte. (Genau genommen: Ich hoffte eigentlich, dass das Tier entkommen würde, bevor ich dann tatsächlich schiessen musste….)

Was ich dazu noch bei der Jägerei wirklich suchte – und das suche ich heute noch – war selbstverständlich die Natur selbst als gegebenen Zustand meiner Umgebung, der als Normalität eines speziellen Schutzes nicht bedarf. Damals war mir noch nicht bewusst, dass diese Natur-Normalität in der von Menschen so maßlos überbevölkerten und verpfuschten Welt unserer Tage Vergangenheit geworden ist und die Suche danach vergeblich bleiben muss. Aber immerhin enthielt der Jagd-Slogan den Wortbestandteil „Natur“, wenn auch nicht „Wildnis“, was meine Vorstellungen des Gesuchten noch wesentlich besser beschieben hätte, und irgendwie war beides für mich eins. Stark beeinflusst war ich auch von Leuten, die meinten, dass Jäger echtes Interesse am Tier selbst hätten. Dass das, was hierzulande als Natur gilt, schon längst von menschlichen Einflüssen verfälscht ist, das habe ich erst im Laufe der Zeit verinnerlicht. Ebenso, dass der sogenannte Wald gar kein Wald war, sondern lediglich ein Forst, eine bewirtschaftete Fläche zur Holzproduktion also, die nicht der Natur selbst überlassen ist, sondern wo gepflanzt, geerntet, gesteuert und geregelt wird, was immer Menschen gerade für profitabel, also richtig, halten, und sei es auch nur in ferner Zukunft. Bei meinem Interesse an der Jagd spielte damals natürlich auch das Bestreben nach mehr Nähe zum Ursprünglichen, dem eigentlich artgemäßen Leben der Menschen als Sammler und Jäger eine Rolle mit, ebenso wie mein Grundbedürfnis nach dem Draußensein in der Stille der Natur, die ja nur selten wirklich still ist, dem direkten Erleben der Restnatur um uns herum eben.

Leider merkte ich schon während der Vorbereitung zur Jägerprüfung, dass die Atmosphäre im Dunstkreis der Jäger, die ich dabei kennen lernte, durchaus nicht in erster Linie mit dem Inhalt des Slogans vereinbar war. Ich machte die Jägerprüfung trotzdem. Danach habe ich mich ungefähr fünf Jahre so intensiv mit der Jagd befasst, wie es mir möglich war. In der Zeit spielte sich mein Leben ohnehin in einem Umfeld ab, in dem die Jagd als Selbstverständlichkeit dazugehörte.

Das, was mich am meisten ansprach, war die Möglichkeit einen Wildbestand sehr intensiv zu beobachten, einfach das Leben der Wildtiere immer besser kennen zu lernen, in mehr als nur jeder freien Minute draußen zu sein. Natürlich setzt das erwähnte Beobachten voraus, dass man seine Aktivitäten auf ein bestimmtes Gebiet, Revier genannt, konzentriert. Das ist für mich immer ein bisschen schwierig gewesen, denn ich bin am liebsten heute hier, morgen dort und übermorgen schon wieder ganz woanders. Aber Alles auf einmal kriegt man eben kaum…  Aber ich fand es schrecklich, von den Wildtieren dann einzelne auswählen und abschießen zu müsen. Immerhin waren mir diese Exemplare so gut bekannt, dass ich in gewissem Rahmen ihre individuellen Gewohnheiten kannte und manche ohne weiteres wiedererkennen konnte, sobald sie mir zu Gesicht kamen. Davon eins zu schießen hat mich immer große Überwindung gekostet und jedes Mal einen üblen Nachgeschmack hinterlassen.

Und dann war da als Posituvum natürlich die Beschäftigung mit der Erziehung und Ausbildung von (zu der Zeit Jagdgebrauchs-)Hunden, was immer reizvoll für mich war, wenn auch Wildtiere immer einen höheren Status bei mir hatten als domestizerte „menschkreierte“ Haustiere, selbst dann wenn es sich um unsere Pferde handelte.

Von Anfang an ein Problem hatte ich im Umgang mit den Jagdwaffen. Diese Werkzeuge – und etwas anderes habe ich in solchen Geräten nie gesehen – waren mir einfach unsympathisch. Ich habe vom ersten Übungsschießen an über die praktische Jagdausübung bis zu dem Tag, an dem ich die Dinger endlich wieder abgegeben habe, immer ein widerstrebendes Verhältnis zu ihnen gehabt.

Daher schockierte es mich, schon bald festzustellen, dass ein erheblicher Teil der Jäger, die ich kennen gelernt habe, geradezu närrisch nach ihren Gewehren und anderen Waffen war. Im Einzelfall haben sogar welche zugegeben, dass die Berechtigung zum Waffenbesitz eine Hauptmotivation für sie war, um überhaupt die Jägerprüfung abzulegen. Interesse an Tieren, Natur und den Zusammenhängen zwischen beiden sieht irgendwie anders aus, oder?

Das sind Leute, die für mich nicht verstehbar sind.

Dann gab es Vertreter der Jägerschaft, die geradezu gierig waren auf jeden Abschuss. Mich hat es stets große Überwindung gekostet, tatsächlich ein Tier zu erschießen. Es war eben die Kehrseite der Medaille, das notwendige Übel bei der Sache, das Andere, was man in Kauf nehmen muss, wenn man das Eine haben will.

Natürlich ist die Tötung eines Tieres der erste notwendige Schritt, um das Lebensmittel Fleisch verzehr-fertig zu machen. Insofern war es für mich in Ordnung, wenn auch nicht schön und meinem gewaltfreien Wesen eigentlich widersprechend; gewiss Nichts was Spaß macht oder einem inneren Bedürfnis Genüge tut, das zu haben von den meisten Jägern als „normal“ hingestellt wird. Wer Fleisch isst, sollte das Töten von Tieren, die zum Verzehr bestimmt sind, mindestens kennen und miterlebt haben, eigentlich aber auch selbst ausgeführt haben, finde ich. Das schafft ein unmittelbares Verhältnis zu dem, was man da auf dem Teller hat, und bewirkt einen bewussteren Umgang mit dem Lebensmittel Fleisch.

Ich habe so lange Wildtiere geschossen, wie ich noch von dem Gedanken der Notwendigkeit des Jagens für die denaturierte Restnatur überzeugt war. Zuerst vollkommen überzeugt und im Laufe nicht allzu langer Zeit immer weniger. Das berühmte Jagdfieber hat sich bei mir nie eingestellt. Es war für mich nicht anders als bei der Hausschlachtung. Mit dem großen Unterschied, dass Nutztiere eben keine freilebenden Wildtiere sind, sondern dass man sie kennt und gefüttert hat, meist von ihrem ersten Tage an. Wenn das erbeutete Wild dann nicht selbst verwertet werden konnte, sondern vom Revierinhaber an den Handel weitergegeben wurde, empfand ich das als aus dem Zusammenhang der ursprünglichen natürlichen Jagd gerissen.

Ich kam mir jedenfalls immer irgendwie schlecht vor angesichts des erschossenen Wildes, an dessen Leben ich mich vorher noch erfreut hatte. Ich lehne es absichtlich ab, hier den jägerischen Ausdruck „erlegt“ zu benutzen. Denn dieser soll – wie manches andere in der Jägersprache auch – nach meinem Eindruck in erster Linie das Töten verbal verstecken. Das Wort »erschossen« gibt den Sachverhalt so wieder, wie ich das empfunden habe. Mit nüchterner Klarheit und ohne die ebenso verklärte wie verstörende Idealisierung des Tötens ins Hehre und Erhabene, die ich in Jägerkreisen so oft vorgefunden habe. Diesen Ablauf in irgendeiner Weise zu kaschieren erschien mir einfach unpassend und verharmlosend. – Worte wie »vertuschend« und »drumrum gelogen« habe ich im Zusammenhang mit der Jägersprache des öfteren gedacht.

Wie gesagt: Ich bin gar kein wirklicher Gegner des Jagens als solches. Die Natur ist nun mal so eingerichtet, dass eins vom anderen lebt und der Mensch ist eben ein Allesfresser.

Aber es irritiert mich stark, wenn ich feststellen muss, mit Leuten zu tun zu haben, die kein Widerstreben empfinden, die tödlichen Schüsse abzugeben und bei denen klar eine Gier danach erkennbar ist, das immer wieder zu tun.


1 Jagen? Warum eigentlich? – 2 Töten aus Lust oder Notwendigkeit? – 3 Hirsch tottrinken und andere Sitten – 4 Katzen und neue Tierarten unerwünscht – 5 Wildarten-Durcheinander – 6 Jagd auf Füchse und als extensive Tierzucht – 7 Wildtiere, Wildschutz, Menschen, Jagd – 8 Abschreckendes von der Baujagd – 9 Hubertus von Lüttich, die Jägerei und ich – 10 Ueber Kraehen und andere Rabenvoegel – 11 Schadstoffe im Wild und Umweltschäden durch die Jagd – 12 Entscheidung gegen die Jagd in dieser Form – 13 Jagd unter Beschuss

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